
        
                              Deutscher Idealismus
             Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre
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                             Johann Gottlieb Fichte
             Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre
                                  Erstes Capitel
Alles Bewusstsein ist bedingt durch das unmittelbare Bewusstsein unserer selbst
                                       I.
    Der Leser, mit welchem wir uns in Uebereinstimmung des Denkens zu versetzen
haben, erlaube uns, ihn anzureden, und mit dem zutraulichen Du ihn anzureden.
    1) Du kannst ohne Zweifel denken: Ich; und indem du dies denkst, findest du
innerlich dein Bewusstsein auf eine gewisse Weise bestimmt; du denkst nur etwas,
ebendasjenige, was du unter jenem Begriffe des Ich befassest, und bist desselben
dir bewusst; und denkst dann etwas anderes, das du sonst wohl auch denken
kannst, und schon gedacht haben magst, nicht. - Es ist mir vor der Hand nicht
darum zu tun, ob du mehr oder weniger, als ich selbst, in dem Begriffe: Ich,
zusammengefasst haben magst. Worauf es mir ankommt, hast du denn doch sicherlich
auch mit darin, und dies genügt mir.
    2) Du hättest statt dieses bestimmten auch etwas anderes denken können, z.B.
deinen Tisch, deine Wände, deine Fenster, und du denkst auch wohl diese
Gegenstände wirklich, wenn ich dich dazu auffordere. Du tust es zufolge einer
Aufforderung, zufolge eines Begriffs von dem zu denkenden; der, deiner Annahme
nach, auch ein anderer hätte sein können, sage ich. Du bemerkst sonach
Tätigkeit und Freiheit in diesem deinem Denken, in diesem Uebergehen vom Denken
des Ich zum Denken des Tisches, der Wände, u.s.f. Dein Denken ist dir ein
Handeln. Befürchte nicht, dass du mir durch dieses Geständnis etwas
zugestehest, das dich hinterher reuen möchte. Ich rede nur von der Tätigkeit,
der du in diesem Zustande unmittelbar bewusst wirst, und inwiefern du ihrer
bewusst wirst. Solltest du aber in dem Fall sein, hierbei gar keiner Tätigkeit
dir bewusst zu werden - es sind mehrere berühmte Philosophen unseres Zeitalters
in diesem Falle - so lass uns gleich hier in Frieden von einander scheiden: denn
du wirst von nun an keines meiner Worte verstehen.
    Ich rede mit denen, die mich über diesen Punct verstehen. Euer Denken ist
ein Handeln, euer bestimmtes Denken ist sonach ein bestimmtes Handeln, d.h. das,
was ihr denkt, ist gerade dieses, weil ihr im Denken gerade so handeltet; und es
würde etwas anderes sein (ihr würdet etwas andere, denken), wenn ihr in eurem
Denken anders gehandelt hättet (wenn ihr anders gedacht hättet).
    3) Nun sollet ihr hier insbesondere denken: Ich. Da dieses ein bestimmter
Gedanke ist, so kommt er, nach den soeben aufgestellten Sätzen, notwendig durch
ein bestimmtes Verfahren im Denken zu Stande; und meine Aufgabe an dich,
verständiger Leser, ist die: dir eigentlich und innigst bewusst zu werden, wie
du verfährst, wenn du denkst: Ich. Da es sein könnte, dass wir beide in diesem
Begriffe nicht ganz dasselbe umfassten, so muss ich dir nachhelfen.
    Indem du deinen Tisch oder deine Wand dachtest, warest du, da du ja, als
verständiger Leser, der Tätigkeit in deinem Denken dir bewusst bist, in diesem
Denken dir selbst da, Denkende; aber das Gedachte war dir nicht du selbst,
sondern etwas von dir zu unterscheidendes. Kurz, in allen Begriffen dieser Art
soll, wie du es in deinem Bewusstsein wohl finden wirst, das Denkende und das
Gedachte zweierlei sein. Indem du aber dich denkst, bist du dir nicht nur das
Denkende, sondern zugleich auch das Gedachte; Denkendes und Gedachtes sollen
dann Eins sein; dein Handeln im Denken soll auf dich selbst, das Denkende,
zurückgehen.
    Also - der Begriff oder das Denken des Ich besteht in dem auf sich Handeln
des Ich selbst; und umgekehrt, ein solches Handeln auf sich selbst gibt ein
Denken de, Ich, und schlechtin kein anderes Denken. Das erstere hast du soeben
in dir selbst gefunden und mir zugestanden: solltest du an dem zweiten Anstoss
nehmen, und über unsere Berechtigung zur Umkehrung des Satzes Zweifel haben, so
überlasse ich es dir selbst, zu versuchen, ob durch das Zurückgehen deines
Denkens auf dich, als das Denkende, je ein anderer Begriff herauskomme, als der
deiner selbst; und ob du dir die Möglichkeit denken könnest? dass ein anderer
herauskomme. - Beides sonach, der Begriff eines in sich zurückkehrenden Denkens,
und der Begriff des Ich, erschöpfen sich gegenseitig Das Ich ist das sich selbst
Setzende, und nichts weiter: das sich selbst Setzende ist das Ich, und nichts
weiter. Durch den beschriebenen Act kommt nichts anderes heraus, als das Ich:
und das Ich kommt durch keinen möglichen anderen Act heraus, ausser durch den
beschriebenen.
    Hier ersiehst du zugleich, in welchem Sinne dir das Denken des Ich
zugemutet wurde. Die Sprachzeichen nämlich sind durch die Hände der
Gedankenlosigkeit gegangen, und haben etwas von der Unbestimmteit derselben
angenommen; man kann durch sie sich nicht sattsam verständigen. Nur dadurch,
dass man den Act angibt, durch welchen ein Begriff zu Stande kommt, wird
derselbe vollkommen bestimmt. Tue, was ich dir sage, so wirst du denken, was
ich denke. Diese Metode wird auch im Fortgange unserer Untersuchung ohne
Ausnahme beobachtet werden. - - So mochtest du vielleicht in den Begriff des Ich
mancherlei aufgenommen haben, was ich in denselben nicht aufgenommen hatte, z.B.
den Begriff deiner Individualität, weil auch dieser durch jenes Wortzeichen
bedeutet wird. Alles dies wird dir nunmehr erlassen; nur dasjenige, was durch
das blosse Zurückgehen deines Denkens auf dich selbst zu Stande kommt, ist das
Ich, von welchem ich hier rede.
    4) Die aufgestellten Sätze, der unmittelbare Ausdruck unserer soeben
gemachten Beobachtung, könnten Bedenklichkeiten erregen nur unter der Bedingung,
dass sie für etwas mehr gehalten würden, als für diesen unmittelbaren Ausdruck.
Das Ich kommt nur durch das Zurückgehen des Denkens auf sich selbst zu Stande,
sage ich: und rede dabei lediglich von demjenigen, was durch blosses Denken zu
Stande kommen kann; was, wenn ich so denke, unmittelbar in meinem Bewusstsein
vorkommt, und was, wenn du so denkst, unmittelbar in deinem Bewusstsein
vorkommt; kurz, ich rede nur vom Begriffe des Ich. Von einem Sein des Ich ausser
dem Begriffe ist hier noch gar nicht die Rede; ob und inwiefern von einem
solchen Sein überhaupt die Rede entstehen könne, wird sich zu seiner Zeit
zeigen. Um also den Leser vor allen möglichen Zweifeln sicher zu stellen, und
vor aller Gefahr, im Verlaufe der Untersuchung den zugestandenen Satz in einem
Sinne genommen zu sehen, den er nicht zugestehen wollte, füge ich zu den eben
aufgestellten Sätzen: das Ich ist ein sich selbst Setzen, und dergl. hinzu: für
das Ich.
    Den Grund dieser Bedenklichkeit des Lesers, dass man ihn nicht etwa zu viel
zugestehen lasse, kann ich auch zugleich mit anführen; auf die Bedingung, dass
man sich dadurch nicht zerstreuen lasse: denn das Ganze ist eine zufällige
Bemerkung, die hier noch nicht eigentlich zur Sache gehört und bloss darum
beigebracht wird, um keinen Augenblick einige Dunkelheit übrig zu lassen. - Dein
Ich kommt lediglich durch das Zurückgehen deines Denkens auf dich selbst zu
Stande, wurde behauptet. In einem kleinen Winkel deiner Seele liegt dagegen die
Einwendung, - entweder: ich soll denken, aber ehe ich denken kann, muss ich sein
; oder die: ich soll mich denken, in mich zurückgehen; aber was gedacht werden
soll, auf welches zurückgegangen werden soll, muss sein, ehe es gedacht oder
darauf zurückgegangen wird. In beiden Fällen postulirst du ein von dem Denken
und Gedachtsein deiner selbst unabhängiges, und demselben vorauszusetzendes
Dasein deiner selbst; im ersten Falle als des Denkenden, im zweiten als des
Zu-Denkenden. Hierbei sage mir vorläufig nur dies: wer ist es denn, der da
behauptet, dass du vor deinem Denken vorher gewesen sein müssest? Das bist ohne
Zweifel du selbst, und dieses dein Behaupten ist ohne Zweifel ein Denken; und,
wie du noch weiter behauptest, und wir dir mit beiden Händen zugeben, ein
notwendiges, in diesem Zusammenhange dir sich aufdringendes Denken. Du weisst
doch hoffentlich von diesem vorauszusetzenden Dasein nur insofern, inwiefern du
es denkst; und dieses Dasein des Ich ist sonach auch nichts mehr, als ein
Gesetztsein deiner selbst durch dich selbst. In dem Factum, das du uns
aufgezeigt hast, liegt sonach, wenn wir es scharf genug ansehen, nichts mehr,
als dies: du musst deinem gegenwärtigen, zum deutlichen Bewusstsein erhobenen
Selbst-Setzen ein anderes solches Setzen, als ohne deutliches Bewusstsein
geschehen, voraus denken, worauf das gegenwärtige sich beziehe und dadurch
bedingt sei. Bis wir dir das fruchtbare Gesetz, nach welchem es so ist,
aufzeigen, begnüge dich mit der Einsicht, dass das angeführte Factum weiter
nichts aussagt, als das Angegebene, damit du durch dasselbe nicht irre gemacht
werdest.
                                      II.
    Wir versetzen uns auf einen höheren Standpunct der Speculation.
    1) Denke dich, und bemerke, wie du das machst: war meine erste Forderung.
Bemerken musstest du, um mich zu verstehen (denn ich redete von etwas, das nur
in dir selbst sein konnte); und um in deiner eigenen Erfahrung als wahr zu
befinden, was ich dir sagte. Diese Aufmerksamkeit auf uns selbst in jenem Acte
war das uns beiden gemeinschaftliche Subjective. Dein Verfahren im Denken deiner
selbst, welches bei mir auch kein anderes war, war es, worauf du merktest; es
war der Gegenstand unserer Untersuchung: das uns beiden gemeinschaftliche
Objective.
    Jetzt aber sage ich dir: bemerke dein Bemerken deines Selbst-Setzens;
bemerke, was du in der soeben geführten Untersuchung selbst tatest, und wie du
es machtest, um dich selbst zu bemerken. Mache das, was bisher das Subjective
war, selbst zum Objecte einer neuen Untersuchung, die wir gegenwärtig anheben.
    2) Der Punct, um welchen es mir hier zu tun ist, ist nicht so leicht
getroffen: wird er aber verfehlt, so wird alles verfehlt, denn auf ihm beruht
meine ganze Lehre. Der Leser erlaube mir daher, dass ich ihn durch einen Eingang
leite, und ihn so nahe als möglich vor dasjenige hinstelle, was er zu beobachten
hat.
    Indem du irgend eines Gegenstandes - es sei derselbe die gegenüberstehende
Wand - dir bewusst bist, bist du dir, wie du eben zugestanden, eigentlich deines
Denkens dieser Wand bewusst, und nur inwiefern du dessen dir bewusst bist, ist
ein Bewusstsein der Wand möglich. Aber um deines Denkens dir bewusst zu sein,
musst du deiner selbst dir bewusst sein. - Du bist - deiner dir bewusst, sagst
du; du unterscheidest sonach notwendig dein denkendes Ich von dem im Denken
desselben gedachten Ich. Aber damit du dies könnest, muss abermals das Denkende
in jenem Denken Object eines höheren Denkens sein, um Object des Bewusstseins
sein zu können; und du erhältst zugleich ein neues Subject, welches dessen, das
vorhin das Selbstbewusstsein war, sich wieder bewusst sei. Hier argumentire ich
nun abermals, wie vorher; und nachdem wir einmal nach diesem Gesetze
fortzuschliessen angefangen haben, kannst du mir nirgends eine Stelle
nachweisen, wo wir aufhören sollten; wir werden sonach ins unendliche fort für
jedes Bewusstsein ein neues Bewusstsein bedürfen, dessen Object das erstere sei,
und sonach nie dazu kommen, ein wirkliches Bewusstsein annehmen zu können. - Du
bist dir deiner, als des Bewussten, bewusst, lediglich inwiefern du dir deiner
als des Bewusstseienden bewusst bist; aber dann ist das Bewusstseiende wieder
das Bewusste, und du musst wieder des Bewusstseienden dieses Bewussten dir
bewusst werden, und so ins unendliche fort: und so magst du sehen, wie du zu
einem ersten Bewusstsein kommst.
    Kurz; auf diese Weise lässt das Bewusstsein sich schlechtin nicht erklären.
- Noch einmal; welches war das Wesen des soeben geführten Raisonnements, und der
eigentliche Grund, warum das Bewusstsein auf diesem Wege unbegreiflich wart
Dieser: jedes Object kommt zum Bewusstsein lediglich unter der Bedingung, dass
ich auch meiner selbst, des bewusstseienden Subjects mir bewusst sei. Dieser
Satz ist unwidersprechlich. - Aber in diesem Selbstbewusstsein meiner, wurde
weiter behauptet, bin ich mir selbst Object, und es gilt von dem Subjecte zu
diesem Objecte abermals, was von dem vorigen galt; es wird Object und bedarf
eines neuen Subjectes, und sofort ins unendliche. In jedem Bewusstsein also
wurde Subject und Object von einander geschieden und jedes als ein besonderes
betrachtet; dies war der Grund, warum uns das Bewusstsein unbegreiflich ausfiel.
    Nun aber ist doch Bewusstsein; mitin muss jene Behauptung falsch sein. Sie
ist falsch, heisst: ihr Gegenteil gilt; sonach folgender Satz gilt: es gibt
ein Bewusstsein, in welchem das Subjective und das Objective gar nicht zu
trennen, sondern absolut Eins und ebendasselbe sind. Ein solches Bewusstsein
sonach wäre es, dessen wir bedürften, um das Bewusstsein überhaupt zu erklären.
Wir gehen jetzo, ohne hierauf weiter zu achten, unbefangen zu unserer
Untersuchung zurück.
    3) Indem du dachtest, wie wir von dir forderten, jetzt Gegenstände, die
ausser dir sein sollten, jetzt dich selbst, wusstest du ohne Zweifel, dass, und
was, und wie du dachtest; denn wir vermochten uns darüber mit einander zu
unterreden, wie wir im obigen getan haben.
    Wie kamst du nun zu diesem Bewusstsein deines Denkens? Du wirst mir
antworten: ich wusste es unmittelbar. Das Bewusstsein meines Denkens ist meinem
Denken nicht etwa ein zufälliges, erst hinterher dazugesetztes, und damit
verknüpftes, sondern es ist von ihm unabtrennlich. - So wirst du antworten, und
musst du antworten; denn du vermagst dir dein Denken ohne ein Bewusstsein
desselben gar nicht zu denken.
    Zuvörderst also hätten wir ein solches Bewusstsein gefunden, wie wir es
soeben suchten; ein Bewusstsein, in welchem das Subjective und Objective
unmittelbar vereinigt ist. Das Bewusstsein unseres eigenen Denkens ist dieses
Bewusstsein. - Dann, du bist deines Denkens unmittelbar dir bewusst; wie stellst
du dies dir vor? Offenbar nicht anders, als so: deine innere Tätigkeit, die auf
etwas ausser ihr (auf das Object des Denkens) geht, geht zugleich in sich
selbst, und auf sich selbst. Aber durch in sich zurückgehende Tätigkeit
entsteht uns, nach obigem, das Ich. Du warst sonach in deinem Denken deiner
selbst dir bewusst, und dieses Selbstbewusstsein eben war jenes unmittelbare
Bewusstsein deines Denkens; sei es, dass ein Object, oder dass du selbst gedacht
wurdest. - Also das Selbstbewusstsein ist unmittelbar; in ihm ist Subjectives
und Objectives unzertrennlich vereinigt und absolut Eins.
    Ein solches unmittelbares Bewusstsein heisst mit dem wissenschaftlichen
Ausdrucke eine Anschauung, und so wollen auch wir es nennen. Die Anschauung, von
welcher hier die Rede ist, ist ein sich Setzen als setzend (irgend ein
Objectives, welches auch ich selbst, als blosses Object, sein kann), keinesweges
aber etwa ein blosses Setzen; denn dadurch würden wir in die soeben aufgezeigte
Unmöglichkeit, das Bewusstsein zu erklären, verwickelt. Es liegt mir alles
daran, über diesen Punct, der die Grundlage des ganzen hier vorzutragenden
Systems ausmacht, verstanden zu werden, und zu überzeugen.
    Alles mögliche Bewusstsein, als Objectives eines Subjects, setzt ein
unmittelbares Bewusstsein, in welchem Subjectives und Objectives schlechtin
Eins seien, voraus; ausserdem ist das Bewusstsein schlechtin unbegreiflich. Man
wird immer vergeblich nach einem Bande zwischen dem Subjecte und Objecte suchen,
wenn man sie nicht gleich ursprünglich in ihrer Vereinigung aufgefasst hat.
Darum ist alle Philosophie, die nicht von dem Puncte, in welchem sie vereinigt
sind, ausgeht, notwendig seicht und unvollständig, und vermag nicht zu
erklären, was sie erklären soll, und ist sonach keine Philosophie.
    Dieses unmittelbare Bewusstsein ist die soeben beschriebene Anschauung des
Ich; in ihr setzt das Ich sich selbst notwendig, und ist sonach das Subjective
und Objective in Einem. Alles andere Bewusstsein wird an dieses angeknüpft und
durch dasselbe vermittelt; wird lediglich durch die Verknüpfung damit zu einem
Bewusstsein: dieses allein ist durch nichts vermittelt oder bedingt; es ist
absolut möglich und schlechtin notwendig, wenn irgend ein anderes Bewusstsein
stattfinden soll. - Das Ich ist nicht zu betrachten, als blosses Subject, wie
man es bis jetzt beinahe durchgängig betrachtet hat, sondern als Subject-Object
in dem angegebenen Sinne.
    Nun ist hier von keinem anderen Sein des Ich die Rede, als von dem in der
beschriebenen Selbstanschauung; oder, noch strenger ausgedrückt, von dem Sein
dieser Anschauung selbst. Ich bin diese Anschauung und schlechtin nichts
weiter, und diese Anschauung selbst ist Ich. Es soll durch dieses sich selbst
Setzen nicht etwa eine Existenz des Ich, als eines unabhängig vom Bewusstsein
bestehenden Dinges an sich, hervorgebracht werden; welche Behauptung ohne
Zweifel der Absurditäten grösste sein würde. Ebensowenig wird dieser Anschauung
eine vom Bewusstsein unabhängige Existenz des Ich, als (anschauenden) Dinges
vorausgesetzt; welches meines Erachtens keine kleinere Absurdität ist,
ohnerachtet man dies freilich nicht sagen soll, indem die berühmtesten
Weltweisen unseres philosophischen Jahrhunderts dieser Meinung zugetan sind.
Eine solche Existenz ist nicht vorauszusetzen, sage ich; denn, wenn ihr von
nichts reden könnt, dessen ihr euch nicht bewusst seid, alles aber, dessen ihr
euch bewusst seid, durch das angezeigte Selbstbewusstsein bedingt wird; so könnt
ihr nicht hinwiederum ein Bestimmtes, dessen ihr euch bewusst seid, die von
allem Anschauen und Denken unabhängig sein sollende Existenz des Ich, jenes
Selbstbewusstsein bedingen lassen. Ihr müsst entweder gestehen, dass ihr von
etwas redet, ohne davon zu wissen, welches ihr schwerlich tun werdet, oder ihr
müsstet läugnen, dass das aufgezeigte Selbstbewusstsein alles andere Bewusstsein
bedinge, welches euch, wenn ihr mich nur verstanden habt, schlechtin unmöglich
sein wird. - Es erhellet sonach hier auch dieses, dass man durch unseren ersten
Satz, nicht nur für den angeführten, sondern für alle mögliche Fälle,
unausbleiblich auf den Standpunct des transcendentalen Idealismus gesetzt wird;
und dass es ganz Eins ist, jenen verstehen, und von diesem überzeugt werden.
    Also - die Intelligenz schaut sich selbst an, bloss als Intelligenz oder als
reine Intelligenz, und in dieser Selbstanschauung eben besteht ihr Wesen. Diese
Anschauung wird sonach mit Recht, falls es etwa noch eine andere Art der
Anschauung geben sollte, zum Unterschied von der letzteren intellectuelle
Anschauung genannt. - Ich bediene mich satt des Wortes Intelligenz lieber der
Benennung: Ichheit; weil diese das Zurückgehen der Tätigkeit in sich selbst für
jeden, der nur der geringsten Aufmerksamkeit fähig ist, am unmittelbarsten
bezeichnet1.
                                      III.
    Noch ist ein Umstand in der Beobachtung der von uns geforderten Tätigkeit
zu bemerken. Nehme man diese Bemerkung indes nur für eine beiläufige.
Unmittelbar wird auf sie nicht fortgebaut; erst tiefer unten wird sich zeigen,
welche Folgen sie habe. Nur können wir uns die Gelegenheit, die wir hier haben,
sie zu machen, nicht entgehen lassen.
    Du fandest im Vorstellen eines Objects, oder deiner selbst, dich tätig.
Bemerke nochmals recht innig, was bei dieser Vorstellung der Tätigkeit in dir
vorkam. - Tätigkeit ist Agilität, innere Bewegung; der Geist reisst sich selbst
über absolut entgegengesetztes hinweg; - durch welche Beschreibung keinesweges
etwa das unbegreifliche begreiflich gemacht, sondern nur an die in jedem
notwendig vorhandene Anschauung lebendiger erinnert werden soll. - Aber diese
Agilität lässt sich nicht anders anschauen, und wird nicht anders angeschaut,
denn als ein Losreissen der tätigen Kraft von einer Ruhe; und so hast du sie in
der Tat angeschaut, wenn du nur wirklich vollzogen, was wir von dir verlangten.
    Du dachtest meiner Aufforderung gemäss deinen Tisch, deine Wand u.s.w., und
nachdem du tätig die Gedanken dieser Gegenstände in dir hervorgebracht hattest,
warst du nun in ruhiger fixirter Contemplation derselben begriffen (obtutu
haerebas fixus in illo, wie der Dichter sagt). Ich sagte dir: jetzt denke dich,
und bemerke, dass dieses Denken ein Tun ist. Du musstest, um das verlangte zu
vollziehen, dich losreissen von jener Ruhe der Contemplation, von jener
Bestimmteit deines Denkens, und dasselbe anders bestimmen; und nur inwiefern du
dieses Losreissen und dieses Abändern der Bestimmteit bemerktest, bemerktest du
dich als tätig. Ich berufe mich hier lediglich auf deine eigene innere
Anschauung; von aussen dir anzudemonstriren, was nur in dir selbst sein kann,
vermag ich nicht.
    Das Resultat der gemachten Bemerkung wäre dieses: man findet sich tätig,
nur inwiefern man dieser Tätigkeit eine Ruhe (ein Anhallen und Fixirtsein der
inneren Kraft) entgegensetzt. (Der Satz, welches wir hier nur im Vorbeigehen
erinnern, ist auch umgekehrt wahr: man wird sich einer Ruhe nicht bewusst, ohne
eine Tätigkeit zu setzen. Tätigkeit ist nichts ohne Ruhe und umgekehrt. Ja,
der Satz ist allgemein wahr, und wird im folgenden in dieser seiner allgemeinen
Gültigkeit aufgestellt werden: Alle Bestimmung, was es nur sei, das bestimmt
werde, geschieht durch Gegensatz. Hier sehen wir für auf den vorliegenden
einzelnen Fall.)
    Welche besondere Bestimmteit deines Denkens war es nun, die, als Ruhe,
derjenigen Tätigkeit, durch die du dich selbst dachtest, unmittelbar vorher
ging; oder genauer ausgedrückt, die damit unmittelbar vereinigt war, so dass du
das eine nicht ohne das andere wahrnehmen konntest? - - Ich sagte dir: denke
dich selbst, um die Handlung, die du vollziehen solltest, zu bezeichnen, und du
verstandest mich ohne weiteres. Du wusstest sonach, was das heisse: Ich. Aber du
brauchtest nicht zu wissen, und wusstest meiner Voraussetzung nach nicht, dass
dieser Gedanke durch ein Zurückgehen der Tätigkeit in sich selbst zu Stande
komme, sondern solltest dies erst lernen. Nun aber ist das Ich laut obigem
nichts anderes, als ein in sich selbst zurückgehendes Handeln; und ein in sich
selbst zurückgehendes Handeln ist das Ich. Wie konntest du denn also das
letztere kennen, ohne die Tätigkeit zu kennen, durch die es zu Stande kommt?
Nicht anders, denn so: du fandest, indem du den Ausdruck: Ich, verstandest,
dich, d.h. dein Handeln als Intelligenz, bestimmt auf eine gewisse Weise; jedoch
ohne das bestimmte gerade, als ein Handeln, zu erkennen. Du erkanntest es nur
als Bestimmteit, oder Ruhe, ohne eigentlich zu wissen, noch zu untersuchen,
woher jene Bestimmteit deines Bewusstseins komme; kurz, so wie du mich
verstandest, war diese Bestimmteit unmittelbar da. Darum verstandest du mich,
und konntest deiner Tätigkeit, die ich aufforderte, die zweckmässige Richtung
geben. Die Bestimmteit deines Denkens durch das Denken deiner selbst war
sonach, und musste notwendig sein, diejenige Ruhe, von der du dich zur
Tätigkeit losrissest.
    Oder um die Sache deutlicher zu machen: - wie ich dir sagte: denke dich; und
du das letztere Wort verstandest, vollzogst du im Acte des Verstehens selbst die
in sich zurückgehende Tätigkeit, durch welche der Gedanke des Ich zu Stande
kommt, nur ohne es zu wissen, weil du darauf nicht besonders aufmerksam warst;
und daher kam dir das, was du in deinem Bewusstsein vorfandest. Merke auf, wie
du das machst, sagte ich dir ferner; und nun vollzogst du dieselbe Tätigkeit,
die du schon vollzogen hattest, nur mit Aufmerksamkeit und Bewusstsein.
    Man nennt die innere Tätigkeit, in ihrer Ruhe aufgefasst, durchgängig den
Begriff. Es war sonach der Begriff des Ich, der mit der Anschauung desselben
notwendig vereinigt war, und ohne welchen das Bewusstsein des Ich unmöglich
geblieben wäre; denn der Begriff erst vollendet und umfasst das Bewusstsein.
    Der Begriff ist überall nichts anderes, als die Tätigkeit des Anschauens
selbst, nur nicht als Agilität, sondern als Ruhe und Bestimmteit aufgefasst;
und so verhält es sich auch mit dem Begriffe des Ich. Die in sich zurückgehende
Tätigkeit als feststehend und beharrlich aufgefasst, wodurch sonach beides,
Ich, als Tätiges, und Ich, als Object meiner Tätigkeit, zusammenfallen, ist
der Begriff des Ich.
    Im gemeinen Bewusstsein kommen nur Begriffe vor, keinesweges Anschauungen
als solche; unerachtet der Begriff nur durch die Anschauung, jedoch ohne unser
Bewusstsein, zu Stande gebracht wird. Zum Bewusstsein der Anschauung erhebt man
sich nur durch Freiheit, wie es soeben in Absicht des Ich geschehen ist; und
jede Anschauung mit Bewusstsein bezieht sich auf einen Begriff, der der Freiheit
die Richtung andeutet. Daher kommt es, dass überhaupt, so wie in unserem
besonderen Falle, das Object der Anschauung vor der Anschauung vorher dasein
soll. Dieses Objekt ist eben der Begriff. Nach unserer gegenwärtigen Erörterung
sieht man, dass dieser nichts anderes sei, als die Anschauung selbst, nur nicht
als solche, als Tätigkeit, sondern als Ruhe aufgefasst.
 
                                    Fussnoten
1 Man bedient sich neuerdings, um denselben Begriff auszudrücken, häufig des
Wortes: Selbst. Wofern ich richtig ableite, so bedeutet die ganze Familie, zu
der dieses Wort gehört z.B. selbiger, u.s.w. derselbe, u.s.w. eine Beziehung auf
ein schon Gesetztes; aber schlechtin, inwiefern es durch seinem blossen Begriff
gesetzt ist. Bin ich dieses Gesetzte, so wird das Wort gebildet: selbst. Selbst
setzt sonach den Begriff vom Ich voraus; und alles was darin von Absoluteit
gedacht wird, ist aus diesem Begriffe entlehnt. Im populairen Vortrage ist das
Wort: Selbst vielleicht darum bequemer, weil es dem dabei doch immer dunkel mit
gedachten Begriffe des Ich überhaupt einen besonderen Nachdruck hinzufügt,
dessen der gewöhnliche Leser wohl bedürfen mag: im wissenschaftlichen Vortrage
musste, scheint es mir, der Begriff durch sein unmittelbares und eigentümliches
Zeichen benannt werden. - Welche Absicht aber dadurch erreicht werden solle,
dass man beide Begriffe, den des selbst und den des Ich, als verschieden,
einander gegenüber stellt, und aus dem ersten eine erhabene, aus dem zweiten
eine verabscheuungswürdige Lehre ableitet, wie es neuerlich in einer für das
grössere Publicum bestimmten Schrift geschehen ist, deren Verfasser doch
wenigstens historisch wissen musste, dass das letztere Wort auch noch in einer
anderen Bedeutung genommen werde, und dass auf den dadurch bezeichneten Begriff
in dieser Bedeutung ein System aufgebaut werde, welches jene
verabscheuungswürdige Lehre keinesweges entält: - welche Absicht dadurch
erreicht werden solle, lässt sich schlechtin nicht begreifen, wenn man eine
feindselige nicht annehmen will, noch kann.
 
    